Künstliche Intelligenz

Künstliche Intelligenz: Man sollte den Sand nicht in den Kopf stecken

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Von Klaus Gottschalk
Hollywood hat in den letzten dreissig Jahren einige Blockbuster produziert, in denen Maschinen die Kontrolle übernehmen. Was in den 80er und 90er Jahren reine Fiktion war, ist heute gar nicht mehr so abwegig. Künstliche Intelligenz ist auf dem Vormarsch – und schon heute in der Lage, ganze Bereiche der HR-Abteilung zu ersetzen. Chance oder Schrecken? Mindestens Anstoss genug, die Rolle des HR von morgen zu überdenken.
Neulich war ich auf einem Kongress der Kollegen aus dem Marketing. Es schadet ja nicht, über den HR-Tellerrand hinauszuschauen. Gleich zu Beginn der Veranstaltung zieht mich der Futurist Gerd Leonhard in den Bann. „Technologie und Mensch“ ist sein Thema. Künstliche Intelligenz bewirkt, dass wir uns als Gesellschaft in den nächsten 20 Jahren mehr verändern, als in den vergangenen 300 Jahren.

Eine Million Bücher pro Sekunde

In Zukunft passieren technologische Veränderungen viel schneller als bisher – „exponentiell“, so Leonhard. Die Entwicklung von Windows 1.0 bis zu unserem Smartphone-gesteuerten Alltag hat nur dreissig Jahre gedauert. Heute sind wir Menschen in der Analyse und dem Modellieren von Daten gegen die Kapazität von Computern chancenlos.
  • IBM Watson liest pro Sekunde über eine Million Bücher – und merkt sich alles, was drinsteht.
  • JP Morgan braucht mit einer neuen Software für 360’000 Stunden Arbeit von ausgebildeten Juristen jetzt noch ein paar Sekunden.
  • Ein deutsches Unternehmen bietet den ersten aktiv gemanagten Aktien-Fond an. Der wird vollständig von Künstlicher Intelligenz bewirtschaftet – Fondmanager braucht es nicht mehr.
Googles CEO Sundar Pichai sagte Ende 2016 auf einer Veranstaltung, dass wir in den nächsten zehn Jahren von einer „Mobile First“ zu einer „Künstliche Intelligenz First“-Welt werden. Computing ist dann durchgängig verfügbar. Ich freue mich jedes Mal, wenn mir eine technologische Errungenschaft mein Leben erleichtert. Dafür stelle ich mich auch gerne der Diskussion, dass Buzz-Wörter wie Digitalisierung und Automatisierung unsere Arbeitsplätze bedrohen. Tatsache ist: Maschinen ersetzen Menschen. Das ist selbstgemachte Realität.
Es geht längst nicht mehr nur darum, dass Maschinen routinemässige Arbeiten erledigen. Auch wenn sich viele Unternehmen immer noch mit diesen Anfängen der Industrialisierung abmühen. Mit „Features“ wie Emotion, Kreativität und Leidenschaft erweitern Maschinen ihre Kapazität mit Kompetenzen, die bisher den Menschen vorbehalten waren. Menschen werden noch chancenloser.
Da liegt die Verlockung nahe, sich mit Maschinen zu verbinden. So können wir die Leistung des menschlichen Denkapparates steigern. Elon Musk hat kürzlich ein Unternehmen gegründet, das menschliches Nervengewebe mit Computern verbinden will – die Maschine kommt in den Kopf. Menschen sollen so in die Lage versetzt werden, in Zukunft mit den kognitiven Fähigkeiten von Maschinen mitzuhalten. An Mäusen sind digitale Verbindungen zum Gehirn bereits erfolgreich getestet worden. Und Elon Musk hat die Reputation, seine Visionen in Realität zu verwandeln. Das tönt einerseits nach einer Chance. So könnten zum Beispiel Implantate Erkrankungen des Gehirns wie Epilepsie oder psychische Störungen wie Depression therapieren. Es klingt andererseits aber auch fraglich. Elektronik im Kopf als verzweifelter Versuch, mit der Entwicklung von Maschinen mitzuhalten? Ist das der letzte Schritt für die Menschheit in die Bedeutungslosigkeit?
Einmal abgesehen von philosophischen Aspekten rund um Künstliche Intelligenz: Was bedeutet das alles für unsere Rolle als HR-Experten in Organisationen?
Eines liegt auf der Hand: Die HR Abteilung in ihrer heutigen Struktur und mit ihren Aufgabenverteilungen braucht es nicht mehr. Prozesse wie das Beurteilen von Lebensläufen und der Salärlauf sind heute schon technologisch gestützt und können zum COO in die Operations gegeben werden. Weitere werden folgen. Mehr denn je scheint es notwendig, dass HR seine Rolle neu definiert. Unsere Aufgabe sollte nicht sein, mit Maschinen zu konkurrieren. Diesen Wettbewerb werden wir verlieren. Wir brauchen Wertschöpfung für das Unternehmen, die Maschinen nicht produzieren können. Dabei brauchen wir nicht alles neu zu machen. Wahrscheinlich liegen gerade in der Vergangenheit unsere Differenzierungspunkte zu Maschinen. Wir müssen sie nur reaktivieren.

Was wir tun können

Zum Beispiel unsere Fähigkeit zu persönlichen Beziehungen und Erlebnissen nutzen. Diese können Maschinen – noch – nicht ersetzen. Hier sind zwei Ansätze, mit denen wir heute anfangen können, unsere Organisationen menschlich zu halten – Künstliche Intelligenz nicht ausgeschlossen:
  • Miteinander reden.
    Die Technologie hat unseren Arbeitsalltag umgekrempelt. Voicemail, E-Mail, Chat, Posts auf Social Media Plattformen, sie haben eines gemeinsam: Kommunikation findet ohne zwischenmenschlichen Kontakt statt. Es ist so einfach, sich hinter den neuen Medien zu verstecken und das persönliche Gespräch zu meiden. Zwei Stockwerke laufen? Eine schwierige Nachricht überbringen? Ein kritisches Thema ansprechen? Lieber eine Nachricht schreiben, als den persönlichen Austausch zu riskieren. Stehen wir auf! Gehen wir wieder ins Gespräch miteinander. Mit Courage für das Unangenehme. Das sind authentische, emotionale Erlebnisse.
  • Gezielt in die Kontaktpunkte investieren.
    An welchen Schnittstellen zwischen der Arbeitgebermarke und Mitarbeitenden bzw. Kandidaten kommt es besonders auf Emotion und Erlebnis an? Wo können wir Menschen das emotionale Tüpfelchen auf das i setzen, das rationale Maschinen nicht berücksichtigen? Was macht unsere Organisation menschlich? Im Kontaktpunktmanagement bietet sich die hervorragende Möglichkeit, Mensch und Maschine zu kombinieren. Als Organisation kann ich zeigen, dass technologischer Fortschritt mit moderner Infrastruktur Anwendung findet, gleichzeitig aber auch die Menschlichkeit wertgeschätzt wird.

Fazit

Künstliche Intelligenz ist mächtig, und zwar schon morgen. Mit ihr zu konkurrieren ist aussichtslos. Weglaufen hilft nicht. Aber um die Worte des ehemaligen deutschen Fussballers Lothar Matthäus zu verwenden: „Man sollte den Sand nicht in den Kopf stecken.“ (Dieser Verdreher wäre einem Computer nicht passiert). Entscheidend ist unsere Anerkennung, dass Maschinen vieles effizienter und effektiver leisten als wir Menschen. Wir sind im Zugzwang, Technologie zu umgarnen und zu nutzen und gleichzeitig Nischen der Wertstiftung zu finden.

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