Doris Dinkel und die karrierebesessene Rabenmutter

Doris‘ Kopf war glühend rot. Sie hatte das Gefühl, ihr Blutdruck sei so hoch, dass ihr gleich die Adern platzten. Eine volle Mailbox, ein Telefon im Dauerklingelzustand und ein krankes Kind. Sie stand vor einer Entscheidung, die schwieriger nicht sein konnte: Da war die Umsetzung ihres bisher grössten Projekts bei der Bentex – selbst entwickelt und ausgefeilt und nun endlich bereit für die Inbetriebnahme. Und da war ihr eigen Fleisch und Blut – krank, fiebrig und schreiend in der Krippe. Bis jetzt dachte Doris immer, das passiere nur anderen Eltern.


Das ist die Welt von Doris Dinkel. Doris nimmt dich mit auf eine Reise durch ihren spannenden, aber auch nervenaufreibenden Berufsalltag – mit allem was dazu gehört.
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Eine Stunde zuvor: Pünktlich schlenderte Doris durch den Empfangsbereich der Bentex. Sie freute sich auf den heutigen Tag, da heute endlich das von ihr initiierte Ablagesystem in der ganzen Bentex zur Anwendung kommen sollte. Doris‘ System zur effektiveren Ablage und Digitalisierung von Belegen hatte Alina von Anfang an begeistert und war bereits Usus in der Finanzabteilung. Die Geschäftsleitung bemerkte die enorme Zeiteinsparung und wollte Doris‘ System nun in der ganzen Bentex etablieren.

Nach langen Wochen des Ausarbeitens und Optimierens war heute der grosse Tag. Das System wurde in allen Abteilungen eingeführt. Doris war die Verantwortliche und musste den ganzen Tag über für Fragen erreichbar sein. Zwar hatte sie eine Infomail verschickt, jedoch war mit vielen Rückfragen zu rechnen. Schon um 8:20 Uhr ging es los, das Telefon klingelte und Doris hob ab. „Doris bist du’s?“, fragte die Stimme eines jungen Mannes, der ziemlich gehetzt klang. „Ja ich bin’s. Ist alles in Ordnung Florian?“, fragte Doris zurück, alarmiert vom gestressten Tonfall. „Nun ja, eigentlich nicht. Er hat schon zweimal gekotzt und hört nicht auf zu weinen. Wir haben jetzt noch die Temperatur gemessen, es ist noch kein Fieber. Ich kann ihn so nicht hierbehalten, du musst ihn abholen.“, schloss Florian seinen Bericht ab. „Scheibe!“, dachte Doris. Das kann doch nicht wahr sein. Genau heute war der mit Abstand unpassendste Tag für ein krankes Kind und einen Mann auf Geschäftsreise.

In Doris‘ Kopf ratterte es: „Oh mein armer Kleiner… Aber ich kann heute nicht weg hier, mein Projekt steht auf dem Spiel. Ich möchte es auf keinen Fall delegieren. Wen könnte ich sonst hinschicken?“. „Doris, bist du noch da?“, riss Florian sie aus ihren Gedanken. „Ja Flo, entschuldige. Ich überlege gerade wie ich das machen soll. Jonas ist auf Geschäftsreise und ich bringe heute mein bislang wichtigstes Projekt hier zur Umsetzung. Ich finde eine Lösung und rufe dich in zehn Minuten zurück. Ist das ok?“, fragte Doris, mit einem Gewissen so schlecht wie Donald Trumps Wahlkampfziele. „Ja ok“, antwortete Florian und versuchte dabei nicht mal, seine Abschätzung zu verbergen. „Doris, ist alles ok?“, fragte Sonja, ihre Arbeitskollegin, nachdem Doris kreidebleich den Hörer aufgelegt hatte. „Ein Moment“, antwortete Doris, denn ihr Telefon klingelte schon wieder. „Hier ist Klaus von der Administration, ich hab eine Frage zur Ablage“, klang es aus dem Hörer. Doris beantwortete die Frage und wandte sich wieder Sonja zu. „Mein Sohn ist krank und Jonas ist leider gerade …“, wieder klingelte das Telefon und Doris bedeutete Sonja mit einer Handbewegung, dass sie ihre Unterhaltung unterbrechen musste. Diesmal war Jana von der Marketingabteilung dran. Als Doris den Hörer aufgelegt hatte, erklärte sie Sonja die Lage und wählte gleichzeitig die Nummer von der Hochzeitstags-Nanny. Mailbox – „so ein riesiger Mist!“, dachte Doris. Verzweifelt versuchte sie es noch bei ihrer Mutter. Sie klemmte sich den Hörer zwischen Ohr und Schulter und öffnete ihren Mail-Account. Drei neue Nachrichten mit dem Betreff „Ablagesystem“. „Doris mein Schatz, wie geht es dir?“, klang die Stimme ihrer Mutter aus dem Hörer. Doris tippte wie verrückt auf ihrer Tastatur und sprach gleichzeitig mit ihrer Mutter. „Oh das tut mir Leid mein Schatz, aber ich bin gerade auf dem Weg zu deiner Schwester. Ich sitze schon im Zug, ich bräuchte über zwei Stunden bis zur Krippe“, mit pumpenden Venen vernahm Doris die schlechte Nachricht und wünschte ihrer Mutter eine gute Fahrt. Sonja blickte zu ihr herüber, sagte aber nichts. Schliesslich ergriff Doris das Wort: „Sonja, ich finde niemanden. Und wenn er krank ist, lässt er sich sowieso nur von mir beruhigen.“ Sonja sah gar nicht begeistert aus. „Das ist nicht gut Doris. Kann er nicht heute in der Krippe bleiben? Du hast am Freitag sowieso einen Home-Office-Tag“, schlug Sonja vor, die kinderlose Sonja, denn eine Mutter hätte nie und nimmer einen solchen Vorschlag unterbreitet. Doris zog diese Idee tatsächlich für einen Moment in Erwägung und erschrak ab sich selbst. „Ich kann doch mein krankes Kind nicht im Stich lassen“, schoss es ihr durch den Kopf. „Das geht nicht. Und wenn ich heute Home Office machen würde und alle Anrufe auf mein Handy umleite und den Arbeitslaptop nach Hause nehme?“, fragte Doris. Sonja sah sie mit einem Blick an, der besagte „ich hätte es wissen müssen: Auf eine Mutter ist einfach kein Verlass“ und antwortete: „Nein das geht wirklich nicht. Es könnte ja sein, dass du ein Problem nicht übers Telefon lösen kannst. Es ist am besten, wenn ich die Einführung für dich übernehme.“

Doris schoss das Blut in den Kopf. Nein, das konnte sie nicht zulassen. „Weisst du was, ich habe eine Lösung“, sagte sie nun und erhob sich von ihrem Arbeitsplatz, „ich werde nun als erstes Alina anrufen und ihr die Situation schildern. Dann werde ich wie bereits erklärt meine Anrufe umleiten und den Laptop einpacken. Falls tatsächlich ein Problem auftreten sollte, dessen Lösung meine Anwesenheit erfordert, werde ich dich anrufen und instruieren, so dass du an meiner Stelle vor Ort sein kannst.“ Doris blickte Sonja fest in die Augen und sprach in einem Ton, der keine Widerrede duldete. Als sie schliesslich ihre Sachen zusammenpackte, fühlte sie die Erleichterung, die sich in ihr breit machte. Wie konnte sie ihr Kind auch nur für eine Sekunde an zweite Stelle setzen? Ob sie Anrufe und Mails von zu Hause beantwortete, machte doch keinen Unterschied – ob ihr Kind ohne seine Mutter eine Krankheit überstehen musste, jedoch einen gewaltigen.

Alle berufstätigen Eltern kennen diese Situation, denn ein Kind hält sich nicht an die Regeln und Termine eines Arbeitgebers. Die Bedürfnisse eines Kindes sind nicht planbar. Oftmals ist es genau im „falschen Moment“ krank – jedoch gibt es im Berufsalltag kaum den „richtigen Moment“ für ein Kind, um krank zu werden. Eltern müssen eine gewisse Flexibilität haben, um ihrer Verantwortung nachkommen zu können. Und in den meisten Fällen findet sich eine Lösung, auch wenn sie noch so unkonventionell sein mag.

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