Doris Dinkel und der tote Engel

Doris Dinkel und der tote Engel

Der mörderische Firmenausflug war gerade mal drei Tage her, als auch schon die Fotos in der Dropbox lagen. Doris, Sonja und weitere Mitarbeitende umringten Anita, die Empfangsdame, welche die Fotos entgegennahm und als erste durchsah.


Das ist die Welt von Doris Dinkel. Doris nimmt dich mit auf eine Reise durch ihren spannenden, aber auch nervenaufreibenden Berufsalltag – mit allem was dazu gehört.
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Doris lachte laut los, als sie ein Foto sah, welches eine Frau mit einem üppigen Federschmuck im Haar zeigte. „Sonja, schau, das bist ja du. Dein Federhut sieht auf dem Foto sogar noch grösser aus als in echt“, kicherte Doris und stupste Sonja von der Seite an. Nachdem sie gemeinsam die Top 10 ausgewählt und gedruckt hatten, gingen Sonja, Doris und Anita zur Fotowand im Empfangsbereich, um die Bilder aufzuhängen. Die Fotowand war riesig, einen auf vier Meter, und schon ziemlich behangen mit Erinnerungsschüssen aus vergangenen Zeiten. Bis jetzt hatte sich Doris die Wand noch nie genau angeschaut. Nun fiel ihr ein Gesicht auf Anhieb auf. Es war das Gesicht eines Mannes Mitte vierzig, der auf jedem Schuss über beide Ohren strahlte. Auf dem einen Bild war er umringt von den anderen Mitarbeitenden aus der Finanzabteilung. Alle hatten einander die Arme um die Schultern gelegt und lachten fröhlich. „Ist das Tobias, mein Vorgänger?“, fragte Doris. Sonja betrachtete das Bild, auf welches Doris mit ihrem Zeigefinger zeigte. „Ja genau, das ist er“, sagte sie fast wehmütig. Doris bereute schon, dass sie gefragt hatte, denn Sonja fuhr unverzüglich fort. „Es ist so schade, dass du ihn nicht mehr kennen lernen konntest. Er war einfach super und man merkt echt, dass er nicht mehr da ist. Es gibt einfach solche Menschen, die immer gute Laune verbreiten. So jemand war er. Und dazu noch ein echtes Zahlentalent. Und dann sein Ordnungssinn. Wusstest du, dass all die praktischen kleinen Schilder an den Schubladen von ihm sind? Also wenn ich die Chefin gewesen wäre, hätte ich diesen Knaben nie kündigen lassen, es ist wirklich zu schade, dass …“. Sonja schwärmte noch einige Minuten weiter, aber Doris hatte sich an diesem Punkt ausgeklinkt und war irgendwie perplex. Dieser Tobias schien der reinste Engel gewesen zu sein und dazu auch noch ein super-fleissiges Genie. Plötzlich kamen all die Kleinigkeiten der vergangenen Monate hoch. Die zahllosen Checklisten, welche Tobias erstellt hatte. Seine vorprogrammierten Reminder, die per E-Mail mindestens zweimal die Woche reinkamen. Seine kleinen Kleber, mit welchen er jede einzelne Schublade in der Finanzabteilung beschriftet hatte, damit niemand auch nur eine Nanosekunde seines Lebens mit Suchen vergeuden musste. Eigentlich hatte er sie eingearbeitet, obwohl er schon einen Monat vor Doris‘ erstem Arbeitstag nicht mehr bei der Bentex gearbeitet hatte. Jeder in diesem Unternehmen schwärmte von diesem Mann. Wie sollte sie so einen genialen und arbeitssamen Sonnenschein jemals ersetzen können? Und dann kamen ihr all ihre Probleme in den Sinn. Ihre Patin, die nicht kam, ihre Hilflosigkeit nach der ersten Woche, ihr Frust. Das wäre Tobias nie passiert. Doris wusste plötzlich, dass sie Tobias nie ersetzen konnte. Dafür hatte sie sich ihres Erachtens viel zu doof angestellt.

Geknickt ging Doris an diesem Abend nach Hause und verbreitete schlechte Laune. „Was ist heute passiert im Büro?“, fragte ihr Mann Jonas. Doris schaute mürrisch zu ihm auf. „Nichts“, antwortete sie. Jonas musterte sie und zog zweifelnd eine Augenbraue nach oben. „Ok“, sagte er schliesslich mit einem gekünstelt gleichgültigen Ton. Da musste Doris schmunzeln. Schliesslich seufzte sie tief und erzählte alles, was sie mit Tobias „erlebt“ hatte. Nach gut 15 Minuten beendete sie ihre Tirade: „Und eigentlich möchte ich ja gar nicht so empfinden, aber als ich die Bilder gesehen hatte, kam es mir so vor, als sei er einfach in allem besser. Und du hättest hören sollen, wie Sonja von ihm geredet hat. Ich dachte, wir seien mittlerweile auch Freundinnen, aber so wie über Tobias spricht sie von mir bestimmt nicht.“ Jonas beruhigend: „So kenne ich dich gar nicht. Du warst doch immer diejenige, die mir gesagt hat, dass das Team wichtiger ist als das eigene Bedürfnis nach Anerkennung. Und nun kann ich das gleiche zu dir sagen. So wie du das erzählst, ist Tobias‘ Fleiss auch dir zu Gute gekommen. Es ist doch super, gerade für dich, als die „Neue“, dass alles ordentlich und übersichtlich beschriftet ist. Und dass du Reminder-Mails bekommst. Und dass du für jeden Furz eine Checkliste hast. So konntest du dich viel schneller ins Team einbringen und zeigen, was du kannst. Oder wäre es dir lieber gewesen, ein heilloses Chaos vorzufinden durch das du dich hättest durchackern müssen, nur um am Ende als strahlende Retterin da zu stehen?“ Doris schaute verlegen auf: „Natürlich nicht. Du hast Recht, ich kann froh sein, dass Tobias mir meine Stelle so ordentlich und gewissenhaft übergeben hat.“ Jonas lächelte: „Da hast du Recht. Und weisst du was? Eigentlich kannst du richtig stolz auf dich sein, denn Alina und Sonja haben dich eingestellt, weil sie dir zutrauen, Tobias würdig zu ersetzen. Und vergiss nicht: Tobias war neun Jahre lang bei der Bentex und war bestimmt nicht seit Tag eins der geniale Alleskönner.“

Ein neuer Mitarbeitender tritt immer in die Fussstapfen eines alten Mitarbeitenden. Diese können manchmal unendlich gross erscheinen und ein Gefühl von Minderwertigkeit gegenüber dem Vorgänger auslösen. Da sind die gemeinsamen Erlebnisse mit dem „Verflossenen“, die getane Arbeit, die tollen Inputs, die er gegeben hatte. Für ein neues Mitglied im Team ist es nicht immer einfach sich abzugrenzen und sich nicht in einen direkten Vergleich mit dem Vorgänger zu stellen. Der Vorgänger soll kein Tabu-Thema sein, jedoch sollten alteingesessene Mitarbeitende darauf achten, dass sie dem „Neuen“ gegenüber auch Wertschätzung zeigen und ihn nicht in einen unausgesprochenen Vergleich mit dem alten Mitarbeitenden stellen.

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