Doris Dinkel und der Pate im Ausnahmezustand

Doris Dinkel und der Pate im Ausnahmezustand

Nach dem Wahnsinnsstart beim Kabelhersteller Bentex freute sich Doris jeden Morgen auf die Arbeit. So ging sie auch am dritten Tag beschwingt aus dem Haus – denn heute würde sie endlich Zutritt zum Heiligtum der Finanzabteilung erhalten: zu Talior, dem Buchhaltungsprogramm. Bei der Bentex angekommen, fand sich Doris jedoch alleine im Finanzlerbüro wieder.


Das ist die Welt von Doris Dinkel. Doris nimmt dich mit auf eine Reise durch ihren spannenden, aber auch nervenaufreibenden Berufsalltag – mit allem was dazu gehört.
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„Komisch“, dachte sie sich, „Sonja und ich hatten doch für acht Uhr ein Treffen angesetzt.“ Sie kontrollierte nochmals den Kalendereintrag. Da stand es: 8 Uhr, Sonja und Doris, Talior-Schulung. Ungeduldig tigerte sie im Büro umher, checkte ihre Mails und nach dem zweiten Kaffee tauchte schliesslich Reinhold auf. „Guten Morgen Doris“, sagte er. Doris grüsste zurück und fragte: „Sag mal, weisst du, wo Sonja steckt? Sie wollte mich heute bei Talior einarbeiten.“ Reinhold sah sie überrascht an: „Heute? Aber heute ist Sonja bis Nachmittags ausser Haus. Wenn du willst könnte ich mir jetzt eine Stunde freischaufeln“, bot Reinhold an. Doris nahm dankend an.

Um 10 Uhr musste sich auch Reinhold dem Tagesgeschäft widmen und Doris wollte eine E-Mail an Sonja aufsetzen. Irgendwie war ihr unwohl, sie wollte Sonja nicht auf die Nerven gehen, sie war ja schliesslich bei Kunden. Andererseits brauchte sie Hilfe bei der Einarbeitung. Gerade als sie die E-Mail abschicken wollte, klingelte das Telefon.

„Doris?“, keuchte eine gestresste Sonja in den Hörer. „Es tut mir so leid, dass ich dich versetzt habe. Ich habe total verschwitzt, dass ich heute mit Alina und Patrick unterwegs bin und ich hatte noch keine freie Sekunde, um mich bei dir zu melden“, erklärte sie. Doris wusste nicht, was sie sagen sollte. Sonja atmete noch immer ziemlich angestrengt in den Hörer, als sei sie soeben den New York Marathon unter zwei Stunden gelaufen. „Ist alles in Ordnung, Sonja?“, fragte Doris schliesslich. „Jaja, ich musste nur auf den Zug rennen und wie du hörst, ist Rennen keines meiner Hobbys“, meinte Sonja. Doris musste schmunzeln. „Bist du denn jetzt auf dem Rückweg? Ich weiss eben ehrlich gesagt nicht, was ich hier tun soll“, gestand Doris. „Nein, ich bin erst nach dem Mittag zurück. Aber du könntest zur Einarbeitung die neuen Kontaktdaten bei Talior einspeisen. Frag Reinhold, er zeigt es dir. Also, ich muss Schluss machen. Bis später!“ Und weg war sie. Doris lauschte noch eine kurze Weile dem Tuten der leeren Telefonleitung und hängte schliesslich auch ihren Hörer ein.

„Mann, ist das nervig!“, schnaubte sie. Reinhold war nicht ihr Pate und er hatte sich bereits eine Stunde Zeit genommen, um ihr zu helfen. Es war unmöglich, ihn nochmals um Hilfe zu bitten. Und Sonja hatte nicht einmal gefragt, ob es in Ordnung sei, Reinhold zu fragen. Trotzdem konnte sich keine richtige Wut einstellen, denn Doris wusste ja, wie gestresst Sonja war. „Wer nicht wagt, der nicht gewinnt“, dachte Doris in einem kurzen Anflug von Selbstvertrauen. „Adressen einspeisen“, ermutigte sie sich in Gedanken, „das schaffe ich schon alleine.“ Doris doppelklickte auf das kleine Symbol mit dem goldenen Füller und Talior öffnete sich in seiner ganzen Pracht auf ihrem Desktop. „Und wenn ich aus Versehen wichtige Kontakte lösche?“, dachte sie sich und kaute auf ihrer Unterlippe herum. „Tja, dann kann ich auch nichts dafür. Schliesslich war ja niemand da, der es mir erklärt hat“, rechtfertigte sie ihren Alleingang in Gedanken.

Also loggte sie sich ein und suchte die Kontaktliste. Das Dokument mit den neuen Adressen war einschlägig beschriftet. Immerhin. Doris machte sich ans Werk und änderte gut fünfzig Adressen. Dann war’s endlich Zeit fürs Mittagessen. Sonja tauchte um 13:30 Uhr auf und entschuldigte sich nochmals überschwänglich bei Doris. Inzwischen war die Unsicherheit gewichen, denn sie hatte die Aufgabe ohne jegliche Hilfe bewältigt. „Kein Problem, die Adressen sind aktualisiert“, winkte Doris ab. Sie kam nicht umhin noch anzufügen: „Du hattest so schnell aufgelegt, dass ich dir nicht sagen konnte, dass Reinhold keine Zeit hatte, mir die Adressenerfassung zu erklären. Er hatte mir bereits morgens eine Stunde lang das Rechnungssystem erklärt. Da konnte ich ihn nicht noch einmal aufhalten“. Sonja blickte sie mit einem Anflug von Ärger an: „Dann hast du ihn gar nicht gefragt? Kannst du dich bitte gleich nochmal einloggen, ich möchte kurz nachschauen, ob alles in Ordnung ist.“ Doris spürte, wie ihr das Blut in den Kopf schoss. Sonja machte einige Stichproben und ihre angespannte Miene entspannte sich mit jedem richtigen Eintrag ein wenig mehr. Nach acht Stichproben wandte sie sich an Doris: „Hey, das hast du super gemacht. Sorry, dass ich so gestresst war. Im Moment hab ich so viel zu tun, dass die Einarbeitung ein bisschen zu kurz kommt. Aber trotzdem: Wenn ich dir sage, du sollst dich an jemanden wenden, wäre ich froh, wenn du das auch tust.“ Das war eine klare Ansage. Doris nickte und entschuldigte sich für ihren Alleingang. Zwar konnte sie verstehen, dass Sonja sehr beschäftigt war, aber andererseits konnte sie nicht erwarten, dass die Teamkollegen ihre Aufgaben übernahmen. Sie war schliesslich die Patin. Nun gut, Doris nahm sich vor, erstmal keine Alleingänge mehr zu unternehmen – auch wenn das heisst, dass sie ihren Kollegen in den Ohren liegen musste.

Die Einarbeitungszeit ist aufwendig – für „den Neuen“ und für das Unternehmen. Wer Pate sein will, kann nicht gleichzeitig sein normales Arbeitspensum erfüllen. Dieser Ausfall muss umverteilt werden. Und die Einarbeitungszeit ist ausschlaggebend für eine schnelle Produktivität von neuen Mitarbeitenden. Denn wie Doris es gerade erlebt, lässt der Pate eher die Einarbeitung schleifen, als das tägliche Geschäft – und diese Situation ist für alle Beteiligten unangenehm. Daher: Den Mehraufwand im Vorfeld kalkulieren und die Einarbeitungszeit gut planen, dann klappt’s auch mit dem Paten.